«Wir erwarten für die kommenden Jahre ein schönes Wachstum»

CLARET. Vor acht Jahren reagierte Christophe Claret auf ausbleibende Aufträge von Drittfirmen mit der Schaffung einer eigenen Uhrenmarke. Jetzt kommt mit Jean Durand die zweite. Interview mit einem kreativen Kopf, der nicht aufgeben wollte.

C.Claret.jpg

Irgendwo auf dieser Welt gibt es immer eine Kundschaft für Produkte, wie wir sie herstellen.
— Christophe Claret

Was sieht die Zukunft für ihre eigene Marke aus?

Wir erwarten für die Jahre 2018 und 2019 ein schönes Wachstum. Für die Marke Christophe Claret waren wir in den letzten Jahren ohnehin jährlich jeweils 10 bis 15 Prozent im Plus. Jetzt werden wir noch Fahrt zulegen, zumal wir nächstes Jahr auch noch den Brand Jean Dunand lancieren.

In Zahlen ?

Wir produzieren heute rund 100 Uhren pro Jahr, wir sollten 2018 irgendwo zwischen 100 und 150 landen. Ich gehe davon aus, dass wir dann auch wieder schwarze Zahlen schreiben und in die Gewinnzone kommen.

Wir staunen: Sie wachsen zwar stark, aber sie haben keine ausgeglichene Rechnung?

Das Wachstum ist für unsere eigene Marke stark. Aber im Gleichschritt verlieren wir jährlich 10 bis 15 Prozent bei den Fremdaufträgen

Wie viele Werke wollen Sie dieses Jahr für Dritte bauen?

Im Moment sind es etwas 100 Werke. Von 2000 bis 2008 waren es bis zu 450.


Seit 1987 haben wir 120 Kaliber entwickelt, ähnlich viele stehen im Projektstadium. Für alle liegt das geistige Eigentum bei uns.
— Christophe Claret

Das geht ja nur, weil die Firma Ihnen gehört. Auf welchen Wert schätzen Sie sie?

Ich habe zwar gewisse Vorstellungen zu diesem Thema, aber das behalte ich für mich. Nur so viel: Ein Grossteil des Wertes hat mit den Rechten an den Werken zu tun, mit dem geistigen Eigentum. Seit der Firmengründung 1987 haben wir 120 Kaliber entwickelt, ähnlich viele stehen im Projektstadium. Für alle liegt das geistige Eigentum bei uns.

Wie bitte? Ihre Auftraggeber waren nie am geistigem Eigentum oder Copyright ihrer Bestellungen interessiert?

Es gab eine einzige Ausnahme.

Zurück zu Ihren Eigenkreationen. Wie steht es da?

Der Markt bleibt schwierig, aber mit unserer doch bescheidenen Produktion von rund 100 Stücken stehen wir etwas abseits von den Gefahren für die Gesamtindustrie. Irgendwo auf dieser Welt gibt es immer eine Kundschaft für Produkte, wie wir sie herstellen.

Wie erklären Sie sich das?

Sagen wir mal so: Die Marke beginnt bekannt zu werden. Ohnehin haben fast alle Sammler in ihren Kollektionen Uhren, die bei uns gemacht worden sind. Oft wissen sie es nicht, weil wir das für Drittmarken taten. Aber auch hier verändert sich die Distribution.

Inwiefern?

Zu Beginn funktionierte die Marke vor allem über das Detaillisten-Netz. Doch heute geht die Hälfte über Direktkontakte, vor allem über Sammler-Events. Ich habe Kundenbeziehungen immer respektiert. Zuerst die Distributoren, dann die Detaillisten. Aber da geht seit drei, vier Jahren nicht mehr viel. Wir wurden also gezwungen, direktere Wege zu unseren Kunden zu finden.

Sie sagen, die Detaillisten kaufen nichts mehr, gleichzeitig stehen sie für Ihren halben Umsatz. Das geht nicht auf.

Wir haben den Kanal nicht geschlossen. Wir haben weltweit noch 25 Verkaufspunkte. Aber das Geschäft hat sich total verändert: Detaillisten bestellen erst, wenn sie ein Stück verkauft haben. Und sie wollen auf Kommission beliefert werden und mithin uns das Lager-Risiko aufbürden. In diesem Sinne hat die Vertikalisierung Vorteile. Vor allem wenn sich der Markt dereinst erholt hat, sofern er sich überhaupt noch erholt.

Sie zweifeln?

Ich spüre eine Entspannung, ganz klar. Auch bei unserer eigenen Marke, die sich laufend besser verkauft.

Und bei den Produkten für Drittmarken?

Die Marken, mit denen wir arbeiten, verkaufen ganz gut und bestellen auch gerne wieder. Aber die Basis der Kundschaft erweitert sich nicht wirklich.

Warum?

Der Trend zur Vertikalisierung in der Branche hat Manufakturen, die für Dritte produzieren, direkt getroffen. Dazu kamen Konkurse. Viele Marken haben überdies das Segment der hohen Kreativität verlassen und die Freude am Risiko verloren.

WA | SG


 Jean Dunand, Tourbillon orbital

Jean Dunand, Tourbillon orbital

Comeback der MarkeJean Dunand

Die Marke Jean Dunand wurde im Jahr 2001 gegründet, nachdem sich Christophe Claret und Thierry Oulevay getroffen hatten. Oulevay hatte die Marke Bovet Fleurier 1994 neu lanciert und 2001 verkauft. Jean Dunand hatte sich von Beginn an mit Einzelstücken für Sammler profiliert, die jeweils 200'000 bis 450'000 Franken kosteten. Die Uhren waren für ihre Zeit spektakulär, sie verbanden Art-Déco-Inspiration mit Spitzen-Technologie. Vor vier Jahren verstarb Thierry Oulevay, ein harter Schlag für das Unternehmen. Erst heute ist Christophe Claret wieder zur Neulancierung parat. «Ich habe gewartet, bis die allgemeinen Bedingungen besser sind», sagt er, und das sei jetzt der Fall. Ankerpunkt wird Asien sein, wo eine Jean-Dunand-Boutique eröffnet wird. 2018 soll es mit einer Neuinterpretation des Orbital-Tourbillon Shabaka losgehen.

.


Warum es zur Diversifizierung kam

Die Antwort von Christophe Claret auf die Uhrenkrise vor acht Jahren war klar: Vertikalisierung und Schaffung einer eigenen Uhrenmarke. Vorher hatte der heute 55-jährige Uhrmachermeister genau das Gegenteil gemacht und sein Know How ausschliesslich an Drittfirmen verkauft. Dass man da nicht mit einem eigenen Label Schatten auf seine Kunden werfen dürfe, war für den Schöpfer exklusiver Uhrenkreationen eine Selbstverständlichkeit.

Doch die Uhrenkrise drehte das Businessmodell sozusagen in sein Gegenteil: Bis dato hatte Claret jährlich für jeweils 25 Kunden gearbeitet und acht neue Uhrwerke realisiert. Insgesamt haben 65 Uhrenmarken auf die Dienste der kleinen Manufaktur gebaut. Doch ab 2009 blieben die Bestellungen aus und schrumpften auf aktuell jährlich 7 Kunden.

«Eine neue Lösung musste her», sagt Claret. «Der Zwang zum Überleben hat mich schliesslich motiviert, meine eigene Marke zu schaffen.» Und weil mit diesem Konzept nicht nur Werke sondern ganze Uhren zu bauen waren, stand auch eine interne Diversifizierung an: «Statt 16 métiers oder Berufsgattungen waren plötzlich 31 nötig.»

Die eigene Marke federte den brutalen Bestellungsrückgang allerdings nicht vollumfänglich ab: Die Zahl der Angestellten musste von 127 auf 65 reduziert werden. Erst 2011 begann sich die Lage zu stabilisieren, die Marke legte zu und macht heute stattliche 65 Prozent des Umsatzes aus. Und es werden mehr: Christophe Claret prognostiziert ein Wachstum auf rund 100 eigene Uhren pro Jahr. Überdies hat er auch die Marke Jean Dunand übernommen, die er mit seinem vor vier Jahren verstorbenen Partner Thierry Oulevay lanciert hatte und die nächstes Jahr aktiv werden wird.