Paul Gerber

Der grosse Meister für die feinste Mechanik

Aus Watch Around N°34, Dezember 2018

Wenn es extrem fein und kompliziert wird, ist er in seinem Element. Der am Zürcher Stadtrand wirkende Uhrmacher Paul Gerber hat die komplizierteste Armbanduhr und die kleinste Holzuhr der Welt gebaut. Ein Besuch im Atelier des Meisters mit dem unvergleichlichen Gespür für filigranste Mechanik.

Pierre-André Schmitt

Da stand sie also, diese wunderbare Schaublin 70, der «Rolls-Royce unter den Drehbänken», da stand sie endlich im Atelier des begnadeten Uhrmachers Paul Gerber. Der freute sich natürlich – aber er staunte auch: «Wie benützt man denn so etwas?», fragte er sich leise.

Die Anekdote steht für den Humor des Uhrenbauers, aber sie enthält auch mehr als nur einen Kern von Wahrheit. Gerber, man würde es nicht meinen, ist zu grossen Teilen Autodidakt. Zwar absolvierte er als Jugendlicher eine Uhrmacherlehre, doch da lernte er vorab das, was man so für den Service braucht. Wie man eine Uhr aufbaut, gar eine eigene spezielle Uhr, das brachte er sich später selber bei.

Mit Erfolg. «Wer ihn kennt, verneigt sich vor ihm», schrieb das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» unlängst begeistert. Gerber gilt als einer der besten, begabtesten und genialsten Schweizer Uhrenmacher überhaupt.

Nur 22 Millimeter hoch

Kaum hatte sich der Berner am Zürcher Stadtrand niedergelassen – Grund dafür war seine Ehefrau Ruth –, begann er mit eigenwilligen Kreationen aufzufallen. Es fing mit einer Holzuhr an, die gerade 22 Millimeter hoch ist. Sie hat dennoch drei Werke: ein Geh-, ein Schlag- und ein Augenbeweger-Werk. Denn eine kleine Pinocchio-Figur bewegt im Minutentakt die Augen. Nebenbei: Die tickende Holz-Petitesse ist im «Guinness-Buch der Rekorde» vermerkt, als kleinste funktionierende Holzuhr der Welt.

Solche Uhren konnte Paul Gerber verkaufen, weil er noch einen Uhrenladen betrieb und die Uhren quasi als Hobby «schnitzte». Als er das Geschäft aber seinem Lehrling übergab, weil er sich ganz der Kreation von Uhren verschreiben wollte, reichten herzige Stücke nicht mehr – ihr Preis, maximal 2000 Franken, wäre keine Geschäftsbasis gewesen.

Zum Glück nicht: Paul Gerber hat in der Folge 53 verschiedene Kaliber entwickelt. Und ein paar Uhren geschaffen, die zu Recht Geschichte geschrieben haben.

Die komplizierteste Uhr

Zum Beispiel die komplizierteste Armbanduhr der Welt, die ebenfalls nach wie vor im «Guinness-Buch der Rekorde» eingetragen ist. Wer darüber mehr erfahren will, tritt zunächst durch die Garage in Gerbers Atelier. Hier eröffnet ihm der Uhrmacher, dass zum Auftakt des Atelierbesuches eine ­PowerPoint-Präsentation fällig sei, wie es heute ja bei Unternehmensbesuchen meistens der Fall ist. Ganz ernsthaft kündigt Paul Gerber die Sache an – derweil Schalk in seinen Augen aufblitzt.

Paul Gerbers PowerPoint-Präsentation ist allerdings eine mechanische – sie besteht aus Tafeln, die mittels Ketten an Deckenschienen hängen und jeweils zum Zeigen verschoben werden können. Da also ist auch die Geschichte der kompliziertesten Uhr in Stichworten festgehalten. Und weil sie so hübsch ist, sei sie hier nacherzählt.

Es war einmal ein Sammler, der hatte eine Uhr mit einem schönen Werk von ­Louis-Elysée Piguet. Das Taschenuhrwerk aus dem Jahr 1892 umfasste Minutenrepetition, Grande und Petite Sonnerie sowie Stunden-, Minuten- und Sekundenanzeige. Insgesamt arbeiteten 491 Teile im Werk von gerade 32 Millimetern Durchmesser.

Doch der Sammler, der Schweizer Unternehmer Willi Sturzenegger, liebte Uhren mit vielen Zeigern. Und deshalb liess er die Preziose mechanisch aufpeppen. Bei Franck Muller gab er das erste mechanische Tuning in Auftrag, es kam ein Ewiger Kalender hinzu, basierend auf einem Modul von Dubois Dépraz, ferner retrograde Monats- und Equationsindikationen sowie die Anzeige von Wochentag und Datum. Überdies 24-Stunden-Anzeige, Schaltjahreszyklusanzeige, Mondphase sowie ein Thermometer. Man war bei 651 Werkteilen angelangt.

Doch der Sammler wollte mehr, und nur einer konnte die Auflagen erfüllen, ohne die Grösse der Uhr zu verändern: Paul Gerber. Der baute für den Sammler ein fliegendes Tourbillon in die Uhr ein, die Original-Unruh blieb dabei unberührt. Drei Jahre brauchte es für den Geniestreich, die Uhr bestand nun aus 772 Teilen.

Nochmals acht Jahre Arbeit

Es sollte immer noch nicht reichen: Sammler Willi Sturzenegger wollte auch noch einen Schleppzeiger-Chronographen eingebaut haben – mit Flyback-Schaltung, je einem Kolonnenrad für Chronograph und Rattrapante sowie 60-Minuten-Zähler. Dazu sollte es Gangreserveanzeigen für Uhr- und Läutwerk geben, und die Hämmerchen für die Sonnerie hätten weiterhin sichtbar zu bleiben.

Acht weitere Jahre brauchte Paul Gerber, um auch diese Nuss zu knacken – das Werk bestand jetzt aus 1116 Teilen.

Die Leistung Gerbers wird deutlich, wenn man sie mit dem Automobilbau vergleicht. Dort gibt es für jede Funktion allerlei Motörli, für Fensterheber, Scheibenwischer, Sitze etc. Bei der Uhr hingegen muss jede Komplikation vom gleichen und einzigen Motor betrieben werden – im Fall des Louis-Elysée-Piguet-Werks hatte das der einstige Schöpfer des Kalibers überdies gar nicht so geplant.

Bezeichnend für den Mann, der in der Freizeit Fesselflugzeuge fliegt, einen Velosolex fährt oder einen Fiat Multipla der ersten Generation restauriert hat: Sein Name steht nicht auf dem Zifferblatt. Hier prangt nach wie vor das Logo von Franck Muller. Nur auf der Rückseite sind drei Namen eingraviert, Piguet, Muller, Gerber.

Paul Gerber hat nach und nach zu seinem Businessmodell gefunden. Er baut und entwickelt Spezialitäten für namhafte Marken, meistens bleibt sein Beitrag anonym, er baut Einzelstücke, und er baut kleine Serien. Als eine Art Signatur findet sich oft der Dreifach-Aufzugsrotor, den er patentieren liess. Ein ergötzlich anzuschauendes Teil synchron tanzender Mechanik, das gleichzeitig sehr funktional ist. Auch seine eigene Hemmung baut er oftmals ein, eine geniale, von Derek Pratt und George Daniels inspirierte Co-Axial-Lösung. «Ich wollte die stauchende Kraft der normalen Ankerhemmung eliminieren», sagt Gerber. Seine Lösung gilt unter Experten als technisch besonders elegant.

Allerdings ist Gerber kein Glaubenskrieger: Er benützt auch gerne ein industrielles Basiswerk als Grundmotor, wenn es für die geplante Sache reicht. Deshalb gibt es unter seinem Namen auch zahlbare Uhren zu kaufen: das Modell 42 zum Beispiel, eine Pilotenuhr mit einem ETA-2892-2-Kaliber, das allerdings verbessert wurde. Paul Gerber hat das Werk um zwei Spezialitäten erweitert, indem er die Datumsanzeige stark vergrösserte und den Aufzug mit seinen drei synchron laufenden Goldrotoren versah. Aber auch Uhren mit reinem Gerber-Manufakturkaliber gibt es aus der Hand des Meisters, etwa das Modell 33 mit einer dreidimensionalen Mondphase und der speziellen Paul-Gerber-Hemmung.

Totalisator auf der Rückseite

Lange war der Berner jeder Form von Computern aus dem Weg gegangen, weil er sie für unnötigen Firlefanz ansah. Doch als er Uhrmacher Philippe Dufour beim Zeichnen mit CAD-Programm zuschaute, war er der Zweite in der erlauchten Académie Horlogère des Créateurs Indépendants (AHCI), der sich das Programm anschaffte. Und als Erster setzte er auf eine von vielen Kollegen verteufelte computergesteuerte CNC-Fräse. Sie steht in seiner Garage. Gerber sieht nicht ein, warum man auf modernes Werkzeug verzichten sollte, um schöne Uhren zu bauen.

Auch das passt zum Mann mit Schnauz, der lieber uhrmacherisch als geschäftlich wachsen wollte. Da ist es auch kein Zufall, dass Paul Gerber bei der legendären MIH-Uhr eine wichtige Rolle spielte.

Die für das Musée international d’horlogerie (MIH) gebaute Uhr ist in ihrer puristischen Form sowohl technisch wie auch gestalterisch ein Meilenstein. Ludwig Oechslin hatte den Jahreskalender dazu konzipiert, der nur mit neun Bestandteilen statt der bisher üblichen 40 bis 50 auskam. «Willst du sie mir machen?», fragte er bei Gerber nach – und der wollte sehr wohl. Allerdings nicht ganz genau so, wie sich Oechslin das gedacht hatte. Der hatte als Basiswerk nämlich ein ETA 2824 oder etwas Ähnliches vorgesehen. Das schien Gerber etwas schwächlich für die Aufgabe. «Es sind drei Scheiben manchmal gleichzeitig zu bewegen», meinte er, das brauche Kraft, ein Traktor wie das Valjoux 7750 wäre besser geeignet. Und da dieses Kaliber ja ein Chronographenwerk ist, gab es eine zusätzliche Komplikation, die man erst auf den zweiten Blick sieht. Der Drücker bei zwei Uhr macht die Uhr zum Monopoussoir-Chronographen. Ein springender Minuten-Totalisator ist auf der Rückseite der Uhr durch ein Fensterchen zu sehen. Nach wie vor baut Paul Gerber die Uhr in Kleinserie.

Wieder auf der Schulbank

Kaum zu glauben, dass dieser Mann einst nicht einmal wusste, wie man ein Zahnrad richtig fräst. Oder zu zweifeln begann, als sein Lehrling ihm berichtete, was er eben an der Uhrmacherschule über die Unruhspirale lernte. Gerber griff zum Telefon und rief die Schule an. Wie er denn seinen Lehrling unterstützen könne, wenn er selber zu wenig über die Materie wisse, fragte er. Und entschied, fortan jeden Montag selber auf die Schulbank zu sitzen. «So hatten sie dort wenigstens an einem Tag pro Woche einen interessierten Lehrling», witzelt Ehefrau Ruth.

Sein Wissen, auch wie man galvanisiert, rhodiniert, auf Hochglanz poliert, Indizes angliert oder Werkteilen mittels Bestrahlen von Glasperlen eine seidenmatte Oberfläche verpasst, gibt Gerber seit einiger Zeit an Kursen weiter. Drei Tage lang dauern sie, maximal drei Personen nehmen daran teil. Gebaut wird eine Uhr auf Basis eines Unitas-Kalibers, stark modifiziert allerdings. Die Dreiviertel-Brücke und die Unruhbrücke zum Beispiel werden von Grund auf neu gefertigt – auch die Hemmung wird von Kursteilnehmern selber eingebaut, die Uhr eigenhändig einreguliert.

Den Einwand, das sei doch sehr schwierig, lässt der ruhige Berner nicht gelten. «Man muss den Leute nicht sagen, dass es schwierig sei», entgegnet er, «man muss ihnen nur erklären, wie man es macht.» Dann gehe es. |